Das warme Gold - Ein Märchen

 
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Überall dort, wo zwei Türme dicht beieinanderstanden, konnte es dazu kommen, dass deren Bewohner an einem ihnen zusagenden Platz eine neue Lichtung schlugen und darauf einen neuen Turm bauten. Manchmal wurde aber auch eine Lichtung genutzt, die schon früher von einem Turm belegt war, der jedoch schon vor langer Zeit verfallen war, sodass nur der Wildwuchs vom Waldboden entfernt werden musste.

Der Bau eines neuen Turms durfte nur in einer Vollmondnacht begonnen werden. Dazu bedurfte es eines Nachtrituals, bei dem die Erbauer einen magischen Trank zu sich nehmen mussten. Dieser wurde vom Zwergenvolk der Herzliebelben gebraut, die unter den Bäumen des Waldes wohnten. Nur sie beherrschten die Kunst der Zubereitung dieses besonderen Gebräus, das aus Kräutern hergestellt wurde. Dazu sammelten sie Blätter des FunkelSternHaars und Blüten der LichtHimmelblume, die sie jeweils sieben Tage lang zu einem Sud verkochten. In den Nächten vor Vollmond gingen Boten des Zwergenvolks zu bauwilligen Menschenpaaren und stellten das Krüglein auf die oberste Stufe vor einer ihrer Turmtüren. Das Gebräu strömte einen so verführerischen und intensiven Duft aus, dass die Turmbewohner ihn sogar durch die Fensterritzen wahrnehmen und ihm nicht widerstehen konnten. Manchmal war die Wirkung des Zaubertranks so kräftig, dass die, die ihn zu sich genommen hatten, mit seiner Energie zwei oder in ganz seltenen Fällen sogar noch mehr Türme bauen konnten. Es kam dabei vor, dass mehrere Türme die gleiche Gestalt bekamen, was jedes Mal zu großem Staunen bei den Betrachtern führte.

Alle Turmerbauer gingen beim Errichten ihres Turmes mit größtmöglicher Achtsamkeit und Liebe vor. Sie wählten nur die schönsten Steine, die sie aus dem Steinbruch am Waldrand mit mancherlei klugem Werkzeug herbeischafften. Sorgfältig mauerten sie die Wände auf und ließen sich dabei von anderen Waldbewohnern helfen. Die Fensteröffnungen und die Simse zwischen den Stockwerken wurden mit feinem Stuckwerk aus Zement verziert. Das Dach bestand aus Schiefer, der aus einer Grube am Wald geholt und in dünne Platten gespalten wurde.  Zum Schluss wurde das Holzgerüst entfernt, das man während des Bauens hatte mitwachsen lassen. Auf der Lichtung wurde ein großes Feuer angezündet, in dem man das Holzgerüst verbrannte. Ein rituelles Zeichen dafür, dass wieder mal ein Turm fertig geworden war. Alle Turmbewohner von nah und fern kamen herbeigeeilt und feierten das neue Gebäude mit Tanz und fröhlichen Liedern.

Diese Feier diente zugleich dem neuen Turmbewohner als Einweihungsfeier, denn ein Gebäude ist bekanntlich erst dann lebendig, wenn es bewohnt wird.

Im Otterviertel des Waldes, wo sich auch ein kleiner See befand, in dem nicht nur Otter badeten, sondern auch Getränke kühl gehalten wurden, lebte in einem bereits sehr alten Turm im obersten Stockwerk eine krumme alte Frau. Sie konnte nur noch auf dem linken Ohr hören und ihre Augen waren im Laufe der Jahre trüb geworden. Sie hatte in ihrem Leben hart gearbeitet und war nur schlecht entlohnt worden. So legte sie jeden Goldtaler zurück, den sie sich absparen konnte. Ihr Turm wurde zusehends unansehnlich, denn zu dessen Erhaltung gab sie keinen Taler aus. Die schönen Schnitzereien und Verzierungen wuchsen zu mit Moos, ein paar Fenster waren zerbrochen, weil der Rahmen morsch geworden war und im Gebäude und sogar rundherum roch es nach Schimmel und Pilzen.

Alle, die am Turm der alten Frau vorüberkamen, beschleunigten ihren Schritt, denn sie hatten Angst vor der griesgrämigen Frau, die sie als Hexe bezeichneten. So machten sie einen großen Bogen um den Turm herum, wenn sie zum Ottersee gingen, um am Ufer ihre Weinbeutel oder ihre Bierfässer ins kühle Nass zu tauchen.

Manchmal sah man die böse blitzenden Augen der Hexe über das Fenstersims lugen, während ihre wilden Flüche auf die Vorbeigehenden herunterprasselten:

„Mach, dass du wegkommst, sonst wirst du gleich meinen Nachttopfregen aufs Haupt bekommen. Du wirst schon sehen! Also … lauf lauf! Du hast hier nichts zu suchen!“

Und dann reichte sie schon ihren alten vergilbten Porzellanpott über das Sims und drohte, ihn zu neigen.

So war die alte Frau in ihrem Turm eine einsame Kreatur, die nichts anderes mehr zu tun hatte, als jeden Abend mühsam mit ihrem Gehstock bis zu ihrem Kellergewölbe hinabzusteigen, um dort ihren Berg mit Goldmünzen zu kontrollieren. Sie war stolz auf das gehortete Gold, zeigte es doch, wie sparsam sie in ihrem langen Leben gewesen war. Vor einer Wand war der Berg so hoch, dass er fast bis zur Gewölbedecke reichte. Hier fand sie immer ihren Maßstab, denn der kleine Spalt zwischen Gold und Decke war gut abzuschätzen. 


„Ha, alles noch da!“, rief sie oft zufrieden in das modrige alte Gemäuer hinein, bevor sie sich mühsam wieder auf den Rückweg in ihr oberstes Stockwerk machte.

Die Frau hatte ihr Leben lang in diesem Turm gelebt. Immer, wenn sie eine Lebensphase hinter sich hatte, war sie ein Stockwerk höher gezogen, weil ihr der Ausblick aus der aktuellen Etage nicht mehr genügte. Auch waren die Räume darin oft abgewohnt, wenn sie beschloss umzuziehen. Sie kamen ihr irgendwann vor wie eine Haut, die sie ablegen musste. Und weil sie von jedem Stockwerk aus einen weiteren Blick in den Wald bekam, lernte sie in jeder Etage etwas über ihr Umfeld dazu. Konnte sie am Anfang nur die Tiere des Bodens sehen, so flogen ihr im Alter die Tiere der Lüfte zum Fenster herein. Sie kannte sie alle, doch mochte sie sie nicht, denn sie stahlen ihr das Brot vom Teller.

Eines Tages …

war die alte Frau wie jeden Tag mühsam in ihren Keller hinabgehumpelt, war auf der langen Treppe Stufe um Stufe und Schritt für Schritt nur unter Stöhnen vorwärtsgekommen. Unten angelangt begab sie sich gleich ans Messen ihres wohl gehüteten Schatzes. Sie tastete vorsichtig mit ihrem langen Stock unter die Gewölbedecke, dorthin, wo der Berg immer am höchsten war, doch als der Stock erst deutlich mehr als eine Fingerspanne vom Gewölbe entfernt den Goldhaufen berührte, durchfuhr sie ein jäher Schreck. Sie bewegte den langen Stecken auf und ab, stieß an die Decke, senkte ihn erneut. Was war das? Die Spanne war eindeutig größer geworden! War jemand in ihren Turm eingedrungen und hatte ihr etwas von ihrem Gold gestohlen? Oder war der Talerberg einfach nur ein Stückchen herabgerutscht? Die Frau drehte sich um, untersuchte genau die Höhe des Goldes auf dem Kellerboden. Sie zirkelte alles mit ihrem Stock ab.

Nein, es hatte sich sonst nichts verändert. Nur die Gipfelhöhe war niedriger geworden. Das kam ihr sehr merkwürdig vor. Vor sich hin schimpfend trat sie den Rückweg an und als sie wieder in ihrer siebenten  Etage angekommen war, dachte sie lange nach. Hatte sie die Haustür nicht richtig abgeschlossen? War jemand eingedrungen und hatte sich gütlich getan an ihrem mühsam angehäuften Schatz?

Zur selben Zeit hockte Herzlieb aus dem Volk der Herzliebelben schon wieder in seiner Höhle. Nur weil er so klein war, konnte er sich wie ein flinkes Wiesel ungesehen durch den Wald bewegen. Er kam immer nur bei Dunkelheit und musste die aus dem Turm mitgenommenen Goldstücke gut unter seinem Jäckchen verbergen. Er hatte keinen Schlüssel, konnte nur durch ein kleines Lüftungsloch in das alte Gewölbe greifen und so Nacht für Nacht ein paar Taler von dem Berg mitnehmen. Er verfolgte damit eine Absicht, denn alle Menschen werden von Elben und Feen begleitet, die es gut mit ihnen meinen.

Gut? Ja, was sollte denn gut daran sein, dass Herzlieb der alten Hexe jede Nacht ein paar Taler stahl? Immer nur so viele, wie er tragen konnte? Herzlieb wusste, wie hart das Herz eines Menschen werden kann, der Hab und Gut anhäuft und für nichts anderes mehr einen Sinn hat.

Mehr, mehr, mehr! Das sind die wichtigsten Worte im Herzen eines solchen Menschen. Und jedes Mehr ließ dessen Herzwand dicker und härter werden. Es war Herzliebs Aufgabe, solchen Menschen zu helfen. Die alte Hexe war sicher nicht die einzige hartherzige Frau in diesem Wald, doch lag bei ihr das Gold im Keller am höchsten.

Was machte nun Herzlieb mit den entwendeten Goldstücken? Nun, er ließ sie dort, wo Menschen in großer Not lebten, vor die Tür fallen oder warf sie durchs offene Fenster. Er bedachte Menschen, die Hunger hatten oder denen Schicksalhaftes widerfahren war.

Bald ereignete sich jedoch etwas Außergewöhnliches, wovon ich jetzt erzählen will:

Herzlieb war sehr fleißig gewesen. Er hatte Nacht für Nacht durch das Loch im Kellergewölbe gegriffen und Goldtaler mitgenommen. In einer Nacht war dabei der Goldberg herabgerutscht. Als nun die alte Frau in den Keller kam, um ihre Schätze zu kontrollieren, sah sie an der Gewölbewand den schwarzen Schatten einer krummen Figur, die mit einem langen Stock in der Hand herumfuchtelte.

„Da haben wir dich ja, du hinterhältiges Wesen!“, schrie sie triumphierend und stolperte auf ihr Spiegelbild zu.

Sie griff ihren Stock mit beiden Händen und hieb hemmungslos auf die dunkle Gestalt ein. Zuerst sah sie, wie diese – genauso wie sie selbst – mit einem Stock um sich schlug, bis … ja bis die finstere Gestalt in tausend Scherben zersprang.

Und in dem Moment kam die blaue Tür zum Vorschein, die hinter dem Spiegel verborgen war. Sie war damals ganz am Anfang beim Bau des Turms als Öffnung zu einem Fluchtgang nach draußen eingerichtet worden, was die Frau in ihrem hohen Alter schon lange vergessen hatte. Sie stiefelte umständlich über die vor der Tür liegenden Scherben und legte ihre knotige Hand auf den kalten Eisengriff, drückte ihn herunter und mit einem kräftigen Ruck schaffte sie es, die Tür nach außen zu drücken. Dahinter führte ein kurviger Gang mit leichter Steigung in den Wald hinaus.

Schon lange war die alte Frau schwerhörig, doch nahmen ihre Ohren einen ihr unbekannten Gesang wahr. Es hörte sich so an, als würden kleine Kinder alberne Lieder singen. Sie blieb stehen. Woher mochte der Gesang kommen?

Mithilfe ihres Stocks quälte sie sich weiter den krummen Gang hinauf, bis sie fast an dessen Ende kam. Der Gesang wurde immer lauter und lauter. Direkt vor dem Ausgang zum Wald strahlte ein helles flackerndes Licht von der Seite her in den dunklen Gang hinein. Neugierig schaute die Alte in eine große Öffnung auf der rechten Seite des Ganges. Eine breite Treppe mit niedrigen, aber recht ausladenden Stufen führte in einen gemütlichen unterirdischen Saal. Überall flackerten dicke weiße Kerzen auf goldenen Wandhaltern. Ebenso auf dem großen Tisch, der in der Mitte stand. Um den Tisch herum saß mindestens ein Dutzend kleiner Wesen, die lauthals sangen und lachten. Sie sangen das in ihrer Familie traditionsreiche „Lied vom Gold, das gute Dinge tut“:

 

Wir lieben das Gold,

das gute Dinge tut.

Wir lieben das Gold,

es gibt den Armen Mut.

 

Sie können wieder lachen

und schöne Dinge machen.

Sie haben wieder Brot.

Vorbei ist ihre Not.

 

Wir lieben das Gold,

das gute Dinge tut.

Wir lieben das Gold,

es gibt den Armen Mut.

 

Vorsichtig setzte die alte Frau ihren Stock auf die erste Stufe. Sollte sie es wagen, weiter in den Saal hinabzusteigen? Was mochte hier geschehen? Was sangen diese Kinder dort unten an dem großen Tisch? Und was hatten die Schälchen mit Gold zu bedeuten, die auf dem Tisch verteilt standen? War das etwas ihr Gold? Das Gold, das von ihrem großen Berg nach und nach verschwunden war?

 

Sie traute sich weiter vor, kam den kleinen Gestalten immer näher, glaubte nicht, was sie sah: Die Kinder, die mit quäkigen Stimmen sangen, waren gar keine Kinder. Oder jedenfalls sahen sie nicht aus wie Kinder. Sie schienen so alt zu sein wie sie selbst. Sie hatten faltige Gesichter, trugen grüne Zipfelmützen, hatten einen dichten weißen Bart und im Verhältnis zu ihrem Kopf merkwürdig große und spitze Ohren. Einer von ihnen – er hatte eine extrem rote und dicke Nase – stand auf und kam direkt auf sie zu. Zum Weglaufen war es nun zu spät, denn der kleine Verein hatte sie auf der Treppe gesehen. Es blieb ihr also nichts übrig, als stehenzubleiben und der Dinge zu harren, die nun kommen würden.

„Mein Name ist Herzlieb“, sagte der Kleine. „Darf ich vorstellen? Wir sind die Familie Herz aus dem Volk der Herzliebelben. Dies ist meine Frau Herztraum, dort sitzen meine zwei Söhne Herzmut und Herzfried. Da hinten rechts sitzt mein Bruder Herzlicht mit seiner Frau Herzglanz, unsere Fachleute für Licht. Ihre drei Kinder, die neben ihnen sitzen, sind die Knaben Herzstern und Herzsonn und das Mädel Herzflor. Hier vorne rechts sitzen unsere Ältesten: Herzfeuer und Herzschlag.“

Alle kleinen Gestalten nickten, als sie vorgestellt wurden und winkten der alten Frau fröhlich zu. Der Greisin fehlten die Worte. Wie freundlich diese kleinen Wesen waren! Der Rotnasige griff ihre rechte Hand und bat sie, doch weiter in den Saal zu kommen. Man habe schon so lange auf sie gewartet.

„Auf mich??“, fragte die Alte ungläubig. „Was soll ich denn hier?“

„Wir wollen dir erklären, was wir mit dem Gold machen, das wir aus deinem Keller geholt haben.“

„Aaach!“, brach es wütend aus der Alten heraus. „Ihr seid also diese gemeinen Diebe, die mir meine Taler gestohlen haben!“

„Gestohlen? Was ist das?“, fragte der Rotnasige und die wenigen, die noch sangen, hörten damit auf und folgten – so wie die anderen - gespannt dem Gespräch, das sich nun entwickelte. 

 „Komm an unseren Tisch“, sagte der Grünbemützte und schob einen ganz normal großen Stuhl aus einer Ecke an den Tisch.

„Der steht hier für dich schon seit Jahren bereit“, erklärte er. „Und nun ist endlich der Tag gekommen, an dem du mit uns zusammen feiern darfst.“

„Feiern?“ brummelte die Alte. „Ich habe keinen Grund zum Feiern. Schließlich hat man mich bestohlen.“

Der kleine Wortführer lachte: „Sei ehrlich, du hast doch schon lange darauf gewartet, dass du endlich auf deinem Stohl hier bei uns sitzen darfst. Warum bist du denn nicht eher gekommen?“

„Ich wusste doch gar nichts von euch“, sagte die Greisin in ziemlich aggressivem Ton. „Ich hatte auch die Tür aus meinem Keller vergessen, die nach draußen führt.“

Der Spitzohrige drehte sich zu seiner Frau Herztraum um und sagte: „Ich hab’s doch befürchtet, dass du selbst in der Nacht nicht in ihre Träume vordringen konntest. So hart ist ihr Herz im Laufe des Lebens geworden. Kein Wunder, dass sie nichts von uns wusste.“

„Was tut ihr hier überhaupt?“, fragte die Alte entrüstet, nachdem sie sich stöhnend auf dem Stuhl niedergelassen hatte.

„Wir beraten, wer von den menschlichen Waldbewohnern am unglücklichsten ist. Und wer von ihnen mit ein paar Goldtalern wieder ein zufriedeneres Leben führen kann. Manche haben Hunger, weil sie krank sind und nicht arbeiten können. Andere haben alles verloren, weil ihr Elfenbeinturm abgebrannt ist. Wieder andere brauchen einen guten Arzt, der ihnen hilft, wieder gesund zu werden, können ihn aber nicht bezahlen.“

„Ich kenne solche Menschen nicht“, sagte die alte Frau kaltherzig. „Wo sollen die denn sein?“

„Das ist uns bewusst“, sagte Herzlieb. „Du verlässt ja auch deinen Turm nicht mehr. Aber es gibt viele von ihnen. Wenn du sie kennenlernen möchtest, werden wir sie zu einem großen Waldfest einladen, dann wirst du sehen, wie glücklich sie sind, weil wir ihnen helfen konnten.“

„Hm …“, brummelte die Alte vor sich hin. „Hm … hm … und das habt ihr mit meinem Gold gemacht? Mit meinem Gold?“

„Was meinst du, wie alt du wirst?“, fragte Herzlieb. „Menschen leben 80 Jahre, 90 oder einige vielleicht sogar 100 Jahre, selten länger. Wie alt bist du?“

„91“, sagte die Alte nicht ohne Stolz.

„Und wann willst du das ganze Gold verbrauchen?“, fragte der Zwerg.

„Verbrauchen? Ich will, dass es mehr wird.“

„Es wird viel mehr, wenn es sich in Leben verwandelt. Hast du darüber schon mal nachgedacht?“

„Ich verstehe das alles nicht“, sagte die Greisin ratlos. „Ich kann mir das nicht vorstellen, was du da erzählst.“

„Dann wird es Zeit, dass du es selbst erlebst“, sagte Herztraum, Herzliebs Frau. „Wir werden am kommenden Sonntag ein Fest für alle Waldbewohner ausrichten, die schon einmal Gold bekommen haben. Du bist herzlich eingeladen, mit uns und den eingeladenen Menschen zu feiern.“

„Na gut“, sagte die Alte. „Wo soll das Fest denn stattfinden?“

„Hinter den großen Eichen, das ist nicht weit von deinem Turm entfernt.“

„Ich bin jetzt müde“, sagte die Frau. „Ich möchte ins Bett.“

„Habt ihr noch Lust, unser Schlaflied zu singen?“, fragte Herzlieb in die Runde. Alle nickten eifrig und fingen sofort an:

 

In der Nacht, wenn Sterne leuchten hell,
legen wir uns nieder, still und schnell.
Unsere Herzen voller Frieden und Licht,
schlafen wir tief mit lächelndem Gesicht.

Schlafe wohl, schlafe tief und fest.
Möge dein Herz voller Liebe sein.

Möge Frieden deine Träume durchweben
und am Tage befruchten dein Leben.

Wir träumen von Gold, das wir teilen mit Freud,
von Herzen, geöffnet der Armut, dem Leid.
Wir träumen von Lächeln, von Licht und von Glück,
und von der Freude, die wir bringen zurück.

Schlafe wohl, schlafe tief und fest,
Möge dein Herz voller Liebe sein.

Möge Frieden deine Träume durchweben
und am Tage befruchten dein Leben.

 

Die alte Frau spürte bei diesem Lied eine Wärme in ihrem Herzen, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gekannt hatte. Und am folgenden Sonntag ging ihr Herz weit auf, als die vielen Menschen zum Waldfest kamen, denen sie auf dem Umweg über die schlauen und herzensguten Zwerge hatte helfen können.

Gestohlen und geholfen – wie ähnlich diese Wörter doch waren! Ein paar Buchstaben waren in der Lage, der Frau ein ganz neues und vergessenes Lebensgefühl zu schenken.

Ihr Goldberg schrumpfte in den wenigen Jahren, die sie noch leben durfte, doch zugleich wurde ihr Herz heller und die Dankbarkeit, die man ihr entgegenbrachte, immer größer.

Und die Familie Herz, die kannst du auch kennenlernen. Geh mal in den Wald und horche auf ihr Lied:

 

Wir lieben das Gold,

das gute Dinge tut.

Wir lieben das Gold,

es gibt den Armen Mut.

©Ulrike Nikolai 22.03.2025

 

Kommentare zu diesem Märchen auf Story.One:

Märchen faszinieren immer wieder, sie haben auch immer einen tieferen Sinn, eine Botschaft. (Leara Thalen)

Ein Märchen für Kinder UND Erwachsene. Ein kleiner Robin Hood! Ich bin auf Herzliebs Seite👍

Sehr schönes Ende. Herzerwärmend. ❤️(Gabriele Krele-Art)

Gold ist materialisiertes Sonnenlicht, daher passt es so sehr zu deinem Märchen. Kalte Herzen müssen erwärmt werden. (Anna Geier)

"Es wird mehr, wenn es sich in Leben verwandelt." Was für ein weiser Satz! (Theodor Leonhard)

Ein schönes Märchen mit einem warmen Goldfunken Wahrheit💫 (Irene Werren)

Das Ereignis des Robin Hood in der Märchenwelt? Sehr schön erzählt! (Philip)

Ein schönes Märchen, gut erzählt. (Anatolie) 

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